Die Folgen von zu vielen Arbeitsstunden…

„Eine der längsten je durchgeführten Längsschnittstudien über die physiologischen Auswirkungen der Arbeit begann in den 1970er Jahren unter Michael Marmot. Heute kann diese Studie die Folgen von Überstunden und Stress über die gesamte Lebenszeit von 10 000 Beamten in Whitehall verfolgen. Und die Daten öffnen uns die Augen. Diejenigen, die 55 oder mehr Stunden pro Woche arbeiten, erfahren ab der Mitte ihres Lebens kognitive Verluste. Ihre getestete Leistung ist in vielem schlechter: Wortschatz, logisches Denken, Informationsverarbeitung, Problemlösung, Kreativität und Reaktionszeit. Dieser Grad an leichter kognitiver Beeinträchtigung im mittleren Alter sagt auch eine frühere Demenz und einen früheren Tod voraus. Lange Arbeitszeiten und Schlafentzug machen das Gehirn immer träger; soweit, bis wir zu müde sind, um zu erkennen, was wir uns selbst antun.“

Heffernan; Margaret: Wilful Blindness. London 2011

BR Radiowissen: Leistung und Leistungsgesellschaft

Wer sich fragt, wo Burnout (vielleicht ja auch der eigene) und die stressbedingten persönlichen und gesellschaftlichen Krisen herkommen, mit welchen wir dieser Tage konfrontiert sind – die eine vielleicht mehr, der andere weniger – sei wärmstens auf diesen wirklich supertollen und sehr sehr hörenswerten Radiowissen-Podcast des Bayerischen Rundfunks hingewiesen: Die Leistungsgesellschaft – Ein Phänomen der Moderne.

Alle, die Root Cause Analysis betreiben wollen, werden hier fündig. Vielleicht nicht hilfreich für die akute Burnout-Krise, aber um zu verstehen, wie es dazu kam und zu verstehen, dass man nicht allein ist und warum dem so ist, sehr sehr empfehlenswert.

Im Podcast kommt auch die Historikerin Nina Verheyen zu Wort, die ein ebenso tolle und lesenswertes Buch zu jenem Thema geschrieben hat, das von Burnout Betroffenen Menschen und alle, die gesund leisten wollen die Augen öffnet: Verheyen, Nina: Die Erfindung der Leistung. München, 2018. (Übrigens im Moment noch kostenlos bei der Bundezentrale für Politische Bildung in einer Sonderausgabe  zu haben – gegen Porto.)

 

„Ich glaube nämlich, dass in der Welt viel zu viel gearbeitet wird“

„Wie die meisten meiner Generation bin ich nach dem Sprichwort ‚Müßiggang ist aller Laster Anfang‘ erzogen worden. Da ich ein sehr braves Kind war, glaubte ich alles, was man mir sagte; und so entwickelte sich mein Pflichtgefühl derart, dass ich zeit meines Lebens und bis zum heutigen Tage nicht umhin konnte, immer schwer zu arbeiten. Aber wenn mir auch mein Handeln vom Gewissen vorgeschrieben war, so hat sich doch in meinen Ansichten eine Revolution vollzogen. Ich glaube nämlich, dass in der Welt viel zu viel gearbeitet wird, dass die Überzeugung, Arbeiten sei an sich schon vortrefflich und eine Tugend, ungeheuren Schaden anrichtet, und dass es nottäte, den modernen Industrieländern etwas ganz anderes zu predigen, als man ihnen bisher immer gepredigt hat.“

Betrand Russel: Lob des Müßiggangs. München 2019

Wo beginnen?

Wenn wir auf eine Veränderung unserer Eltern oder unseres Partners, unserer Partnerin warten, kann das lange dauern, vielleicht verbringen wir unsere ganze Zeit nur mit diesem Warten. Also ist es besser, bei sich selbst anzufangen. Versuchen Sie nicht, andere zu Veränderungen zu zwingen. Auch wenn es lange dauert, Sie werden sich besser fühlen, wenn Sie bei sich selbst ansetzen und Ihr Bestes tun.

Thich Nhat Hanh

Warum es sich lohnt, daran zu arbeiten

Manchmal tun wir uns in der eigenen Familie besonders schwer damit, gut miteinander umzugehen und zu kommunizieren, weil wir ähnlich leidvolle Erfahrungen teilen und auch in ähnlicher Weise auf Leidvolles reagieren. Das Leid unsere Eltern wurde ihnen von ihren Eltern übertragen und denen von ihren jeweiligen Vorfahren. Erst wenn Sie ihr eigenes Leid zu verstehen beginnen und sich mit sich selbst versöhnen, wird dieses Leid nicht mehr an künftige Generationen weitergegeben. Die Arbeit der achtsamen Kommunikation ist also nicht nur für uns unsere Liebsten wichtig, sondern auch für unsere Nachfahren.

Thich Nhat Hanh

TK-Podcast über Burnout: Mit Achtsamkeit ist es nicht getan

Die Techniker Krankenkasse veröffentlicht seit Kurzem in regelmäßigen Abständen einen Gesundheits-Podcast „Ist das noch gesund?„. Neulich sprach die Gastgeberin Dr. Yael Adler mit der Burnout-Spezialistin Dr. Miriam Prieß. Das Gespräch zielt zwar sehr einseitig auf die innersten Ursachen von Burnout-Erkrankungen, nämlich Beziehungskonflikte und wie wir damit umgehen. Die beiden Ärztinnen gehen leider nicht oder nur sehr wenig auf die vielfältigen auch akuten Probleme und Umstände ein, die der Erkrankungsalltag in den ersten Phasen mit sich bringt und mit welchen sich Burnout-Betroffene herumzuschlagen haben.

Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb ist es eine sehr hörenswerte Folge. Eher allerdings für Menschen, die sich allgemein für Burnout interessieren oder indirekt betroffen sind oder direkt Betroffene, die schon weiter sind in ihrem Genesungsprozess. Wenn Sie also selbst akut von Burnout betroffen sind, so hören sie möglichst achtsam. Ihnen könnten die von Frau Prieß aufgeworfenen Perspektiven eventuell noch mehr Angst machen oder Rätsel bescheren, als sie ohnehin schon haben.

Hier geht es zur hörenswerten Folge über Burnout: Burnout: Zu viel Arbeit ist nicht das Problem

Hach ja… #86

„Der depressive Mensch ist jenes animal laborans, das sich selbst ausbeutet, und zwar freiwillig, ohne Fremdzwänge. Es ist Täter und Opfer zugleich.“

Byjung-Chul Han: Müdigkeitsgesellschaft

Wann gehen wir es am besten an?

„Sind diese unruhigen Zeiten der richtige Rahmen für den Versuch, unsere Arbeit zu verändern? Sollten wir nicht warten, bis die Wirtschaft sich wieder stabilisiert hat? Wir werden immer Ausflüchte finden, um am Gewohnten festzuhalten. Es gibt immer Gründe, die dagegen sprechen, dass wir unsere Arbeitsauffassung und damit unser Menschenbild neu gestalten. Doch gute Gründe sind es nicht.“

Barry Schwartz: Warum wir arbeiten?

Welche Art von Angst?

„Die Vorstellung, was die anderen von einem denken und was sie denken, was man von ihnen denkt, wird so zu einer Quelle von sozialer Angst. Es ist nicht die objektive Lage, die die einzelne Person belastet und kaputt macht, sondern das Empfinden, im Vergleich mit signifikanten Anderen den Kürzeren zu ziehen.“

Heinz Bude: Gesellschaft der Angst

„Mehr ein Stein als ein Mensch“

Fraglos trägt das empfindsame menschliche Gehirn zur Bereicherung des Lebens in unvorstellbarem Maße bei. Jedoch zahlen wir dafür einen teuren Preis; denn das Mehr an Empfindlichkeit macht uns auch entsprechend verletzbar. Je weniger empfindsam man wird, je weniger verwundbar wird man – mehr ein Stein als ein Mensch – und demgemäß weniger empfänglich für Freuden.

Allan Watts: Weisheit des ungesicherten Lebens

 

Übrigens Wut…

„Doch wenn wir wütend oder ärgerlich sind, sind wir nicht sehr klar. Handeln wir also aus diesem Ärger heraus, kann das nur neues Leid schaffen und die Situation eskalieren lassen. Das bedeutet nicht, dass wir unseren Ärger unterdrücken sollten. Wir sollten nicht vorgeben, alles sei in bester Ordnung, wenn das gar nicht der Fall ist.“

Thich Nhat Hanh

Siehe auch: Wie mit Wut umgehen? oder Warum diese Wut?

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